Bei der androgenetischen Alopezie, also dem erblich bedingten Haarausfall, sind Finasterid und Minoxidil die beiden am längsten untersuchten Wirkstoffe. Sie werden oft gegeneinander gestellt, setzen aber an verschiedenen Stellen an. Dieser Vergleich ordnet Wirkweise, Studienlage, Nebenwirkungen und Schweizer Rezeptstatus neutral ein. Er ist keine Empfehlung für einen der beiden Wirkstoffe.
Wie die beiden Wirkstoffe wirken
Finasterid hemmt das Enzym 5-Alpha-Reduktase vom Typ II. Dieses Enzym wandelt Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) um. DHT lässt bei genetischer Veranlagung die Haarfollikel schrittweise schrumpfen, bis sie nur noch feine, kurze Haare bilden. [1] In einer Studie mit Kopfhautbiopsien sank der DHT-Gehalt der Kopfhaut unter Finasterid nach 42 Tagen um rund 64 % und der DHT-Spiegel im Blut um rund 71 %. [2]
Minoxidil wurde ursprünglich als Blutdruckmittel entwickelt. Am Haar verkürzt es die Ruhephase, bringt Follikel früher in die Wachstumsphase und kann diese verlängern. Als aktiver Stoff gilt Minoxidilsulfat, das in der Kopfhaut gebildet wird. Der genaue Mechanismus ist bis heute nicht vollständig geklärt. [3] [4] Minoxidil verändert den Hormonhaushalt nicht. Es bremst also nicht die Ursache der Miniaturisierung, sondern unterstützt das Haarwachstum am Follikel selbst.
Mehr Details zu den einzelnen Wirkstoffen findest du auf den Seiten zu Finasterid und Minoxidil.
Rezeptstatus in der Schweiz
Orales Finasterid ist in der Schweiz für leichte bis mittelschwere androgenetische Alopezie bei Männern zugelassen und rezeptpflichtig. [5] Daneben gibt es ein zugelassenes topisches Finasterid-Präparat, das ebenfalls rezeptpflichtig ist. Rezeptpflichtige Arzneimittel dürfen nur nach ärztlicher Verordnung abgegeben werden. [7]
Topisches Minoxidil ist in zugelassenen Präparaten mit 2 % und 5 % in der Abgabekategorie D erhältlich, also ohne Rezept nach Fachberatung in Apotheke und Drogerie. [6] [7] [18] Ein orales Minoxidil-Präparat ist in der Schweiz dagegen nicht zugelassen. [18] Wird Minoxidil zum Einnehmen gegen Haarausfall eingesetzt, ist das eine Anwendung ausserhalb der Zulassung (Off-Label), die eine Ärzt:in verantwortet. Wie das genau geregelt ist, erklärt der Ratgeber Minoxidil Rezept Schweiz.
Ärzt:innen können ausserdem individuell hergestellte Rezepturen verordnen, die eine Apotheke auf Rezept zubereitet. Welche Form infrage kommt, ist eine ärztliche Entscheidung.
| Merkmal | Finasterid | Minoxidil |
|---|---|---|
| Ansatzpunkt | Senkt DHT, bremst die Miniaturisierung | Wirkt direkt am Follikel, verlängert die Wachstumsphase |
| Formen | Tablette, topisches Präparat, Rezeptur | Lösung oder Schaum, Rezeptur; oral nur Off-Label |
| Rezeptstatus | Rezeptpflichtig | Topisch Abgabekategorie D, oral in der Schweiz kein zugelassenes Präparat |
| Häufigste Nebenwirkungen | Sexuelle Funktionsstörungen bei einem kleinen Teil der Anwender | Kopfhautreizung, vorübergehend verstärkter Haarausfall zu Beginn |
| Nach dem Absetzen | Effekt geht über Monate verloren | Effekt geht über Monate verloren |
Was Studien im direkten Vergleich zeigen
Direkte Vergleichsstudien sind selten und meist klein. In einer offenen, randomisierten Studie aus der Türkei mit 65 Männern verbesserte sich die Haardichte nach 12 Monaten bei 80 % der Teilnehmer unter oralem Finasterid und bei 52 % unter topischem Minoxidil 5 %. Der Unterschied war statistisch signifikant, die Studie aber nicht verblindet. [8]
Mehr Aussagekraft haben Auswertungen über viele Studien. Eine Netzwerk-Metaanalyse von 23 Studien fand nach 48 Wochen mehr dicke Endhaare unter oralem Finasterid als unter topischem Minoxidil 5 %, im Mittel rund 26 Haare pro Quadratzentimeter. [9] Eine systematische Übersichtsarbeit zeigte, dass beide Wirkstoffe Placebo klar überlegen sind, mit grosser Streuung zwischen den Studien. [10]
Für den Alltag heisst das zweierlei. Beide Wirkstoffe sind gut belegt, und orales Finasterid schnitt in den Vergleichen im Mittel etwas stärker ab. Wie eine einzelne Person anspricht, lässt sich daraus nicht vorhersagen. Die Studienlage zu Finasterid vertieft der Ratgeber Finasterid Wirkung und Studien.
Kombination laut Studien
Weil die beiden Wirkstoffe unterschiedlich ansetzen, wurden sie häufig gemeinsam untersucht. In einer randomisierten Studie aus China mit 450 Männern verbesserte sich das Haarbild nach 12 Monaten bei 80,5 % unter Finasterid, bei 59 % unter Minoxidil und bei 94,1 % unter der Kombination. [11] Eine Metaanalyse von fünf randomisierten Studien fand unter der Kombination bessere Werte in der fotografischen Beurteilung als unter einer Einzeltherapie. Bei der gemessenen Haardichte und bei den Nebenwirkungen zeigte sich kein signifikanter Unterschied. [12]
Auch Kombinationen in einer einzigen topischen Lösung wurden untersucht. In einer kleinen doppelblinden Studie mit 40 Männern schnitt eine Lösung mit Finasterid und Minoxidil besser ab als Minoxidil allein, während der DHT-Spiegel im Blut nur um rund 5 % sank. [13] Für topisches Finasterid allein liegt eine grössere Zulassungsstudie vor. [17]
Ob eine Kombination für dich infrage kommt, in welcher Form und in welchem Abstand die Anwendungen erfolgen, legt die behandelnde Ärzt:in fest.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Bei Finasterid stehen sexuelle Nebenwirkungen im Vordergrund, etwa verminderte Libido oder Erektionsstörungen. Eine Metaanalyse von 15 placebokontrollierten Studien fand für Finasterid 1 mg ein um den Faktor 1,66 erhöhtes Risiko für sexuelle Funktionsstörungen gegenüber Placebo, betroffen ist ein kleiner Teil der Anwender. [14] Swissmedic hat im November 2025 zudem auf das Risiko von Stimmungsveränderungen und Suizidgedanken hingewiesen. Für 1-mg-Präparate gibt es seither eine Patientenkarte. [15] Schwangere sollen beschädigte Tabletten nicht berühren. [5]
Topisches Minoxidil wirkt überwiegend lokal. Häufig sind Juckreiz, Schuppung oder Rötung der Kopfhaut, oft durch den Trägerstoff. Selten tritt eine allergische Kontaktdermatitis auf. [16] In den ersten Wochen kann der Haarausfall vorübergehend zunehmen, weil Haare aus der Ruhephase abgestossen werden. [4] Bei versehentlichem Kontakt mit Gesicht oder Händen kann unerwünschter Haarwuchs auftreten.
Ausführlicher beschreibt das der Ratgeber zu den Finasterid Nebenwirkungen.
Was beide gemeinsam haben
So unterschiedlich die Wirkweise ist, drei Punkte gelten für beide Wirkstoffe. Erstens brauchen sie Zeit. In den Zulassungsstudien wurde das Ansprechen nach 6 bis 12 Monaten beurteilt, sichtbare Veränderungen zeigen sich oft frühestens nach einigen Monaten. [1] [4]
Zweitens wirken sie nur, solange sie angewendet werden. Nach dem Absetzen kehrt das Haarbild über einige Monate auf den Verlauf ohne Behandlung zurück. [1] [3] Beide sind damit eine Langzeittherapie und keine einmalige Kur.
Drittens wirken beide bei erblich bedingtem Haarausfall, nicht bei jeder Form. Kreisrunder Haarausfall, Haarausfall nach Stress oder Krankheit und Mangelzustände haben andere Ursachen. Deshalb steht am Anfang eine Einordnung, welche Form vorliegt. Einen Überblick gibt der Ratgeber zu den Ursachen von Haarausfall und die Seite zur androgenetischen Alopezie.
Wer entscheidet, was passt
Welcher Wirkstoff, welche Form, welche Konzentration und ob eine Kombination sinnvoll ist, hängt von Diagnose, Ausprägung, Vorerkrankungen, Verträglichkeit und deinen Präferenzen ab. Diese Abwägung trifft eine Ärzt:in. Topisches Minoxidil kannst du zwar ohne Rezept kaufen, die Beratung in Apotheke oder Drogerie gehört aber dazu.
Für eine ärztliche Beurteilung kannst du eine Hausärzt:in, eine Dermatolog:in oder eine Online-Konsultation wählen. Welche Wege es gibt und was sie kosten, vergleicht der Ratgeber Telemedizin, Hautarzt oder Haarklinik.
Möchtest du wissen, ob eine Behandlung für dich infrage kommt?
Häufige Fragen
Quellen
- [1] Kaufman KD, Olsen EA, Whiting D, et al. (1998). Finasteride in the treatment of men with androgenetic alopecia. Journal of the American Academy of Dermatology. https://doi.org/10.1016/s0190-9622(98)70007-6
- [2] Drake L, Hordinsky M, Fiedler V, et al. (1999). The effects of finasteride on scalp skin and serum androgen levels in men with androgenetic alopecia. Journal of the American Academy of Dermatology. https://doi.org/10.1016/s0190-9622(99)70295-1
- [3] Messenger AG, Rundegren J. (2004). Minoxidil: mechanisms of action on hair growth. British Journal of Dermatology. https://doi.org/10.1111/j.1365-2133.2004.05785.x
- [4] Suchonwanit P, Thammarucha S, Leerunyakul K. (2019). Minoxidil and its use in hair disorders: a review. Drug Design, Development and Therapy. https://doi.org/10.2147/DDDT.S214907
- [5] Organon GmbH. (2026). Propecia® 1 mg Filmtabletten, Fachinformation. Swissmedicinfo. https://www.swissmedicinfo.ch/ShowText.aspx?authNr=54322&lang=DE&textType=FI (Aufgerufen am 21.10.2026)
- [6] (2026). Regaine topische Lösung 5% (Minoxidil), Abgabekategorie D. compendium.ch / HCI Solutions AG. https://compendium.ch/product/3154-regaine-topische-losung-5 (Aufgerufen am 21.10.2026)
- [7] Swissmedic. (2018). Umteilung der Arzneimittel der Abgabekategorie C. Swissmedic. https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/news/mitteilungen/hmg2-umteilung-arzneimittel-abgabekategorie-c.html (Aufgerufen am 21.10.2026)
- [8] Arca E, Açikgöz G, Taştan HB, Köse O, Kurumlu Z. (2004). An open, randomized, comparative study of oral finasteride and 5% topical minoxidil in male androgenetic alopecia. Dermatology. https://doi.org/10.1159/000079595
- [9] Gupta AK, Venkataraman M, Talukder M, Bamimore MA. (2022). Relative efficacy of minoxidil and the 5-α reductase inhibitors in androgenetic alopecia treatment of male patients: a network meta-analysis. JAMA Dermatology. https://doi.org/10.1001/jamadermatol.2021.5743
- [10] Adil A, Godwin M. (2017). The effectiveness of treatments for androgenetic alopecia: A systematic review and meta-analysis. Journal of the American Academy of Dermatology. https://doi.org/10.1016/j.jaad.2017.02.054
- [11] Hu R, Xu F, Sheng Y, et al. (2015). Combined treatment with oral finasteride and topical minoxidil in male androgenetic alopecia: a randomized and comparative study in Chinese patients. Dermatologic Therapy. https://doi.org/10.1111/dth.12246
- [12] Chen L, Zhang J, Wang L, Wang H, Chen B. (2020). The efficacy and safety of finasteride combined with topical minoxidil for androgenetic alopecia: a systematic review and meta-analysis. Aesthetic Plastic Surgery. https://doi.org/10.1007/s00266-020-01621-5
- [13] Suchonwanit P, Srisuwanwattana P, Chalermroj N, Khunkhet S. (2018). A randomized, double-blind controlled study of the efficacy and safety of topical solution of 0.25% finasteride admixed with 3% minoxidil vs. 3% minoxidil solution in the treatment of male androgenetic alopecia. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology. https://doi.org/10.1111/jdv.15171
- [14] Lee S, Lee YB, Choe SJ, Lee WS. (2019). Adverse sexual effects of treatment with finasteride or dutasteride for male androgenetic alopecia: a systematic review and meta-analysis. Acta Dermato-Venereologica. https://doi.org/10.2340/00015555-3035
- [15] Swissmedic. (2025). DHPC – Finasterid / Dutasterid: Neue Massnahmen zur Minimierung des Risikos für Suizidgedanken. Swissmedic. https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/humanarzneimittel/marktueberwachung/health-professional-communication--hpc-/dhpc-finasterid-dutasterid.html (Aufgerufen am 21.10.2026)
- [16] Kiratiwongwan R, Boonchai W, Kanokrungsee S. (2024). Allergic contact dermatitis to topical preparations containing minoxidil: a systematic review and individual participant data meta-analysis. Dermatitis. https://doi.org/10.1089/derm.2024.0092
- [17] Piraccini BM, Blume-Peytavi U, Scarci F, et al. (2022). Efficacy and safety of topical finasteride spray solution for male androgenetic alopecia: a phase III, randomized, controlled clinical trial. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology. https://doi.org/10.1111/jdv.17738
- [18] Swissmedic. (2026). Zugelassene Arzneimittel und zugelassene Packungen (Humanarzneimittel), Stand 30.09.2026. Swissmedic. https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/services/listen_neu.html (Aufgerufen am 21.10.2026)