Finasterid Nebenwirkungen: Was du wirklich wissen musst

Nebenwirkungen von Finasterid sind ein häufig diskutiertes Thema. Während manche Quellen dramatisieren, relativieren andere. Dieser Ratgeber gibt einen wissenschaftlich fundierten Überblick über tatsächliche Risiken, Häufigkeiten und was du für eine informierte Entscheidung wissen musst.

7 min LesezeitVeröffentlicht am 22. September 2025Zuletzt aktualisiert am 27. November 2025
Beda Diggelmann · Gründer orva

Die Datenlage aus den Zulassungsstudien

Die ursprünglichen Zulassungsstudien der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) untersuchten über 1.500 Männer über zwei Jahre und liefern wichtige Grundlagen zum Verständnis der Nebenwirkungen. [1] Für Details zur Wirksamkeit siehe Finasterid: Wirkung & klinische Studien.

FDA-Zulassungsstudien und erste Erkenntnisse

Die Ergebnisse zu sexuellen Nebenwirkungen zeigten ein überraschendes Bild:

NebenwirkungFinasterid (1 mg)PlaceboDifferenz
Verminderte Libido1,8 %1,3 %0,5 %
Erektile Dysfunktion1,3 %0,7 %0,6 %
Ejakulationsstörungen1,2 %0,7 %0,5 %
Sexuelle Nebenwirkungen in FDA-Zulassungsstudien (n=1.500) [1]

Wichtig: Die Differenz zwischen Finasterid und Placebo betrug nur 0,5 bis 0,6 Prozentpunkte. Selbst in der Placebo-Gruppe traten sexuelle Nebenwirkungen auf. Diese geringe Differenz deutet darauf hin, dass psychologische Faktoren eine grössere Rolle spielen könnten als ursprünglich angenommen.

Eine bemerkenswerte italienische Studie untersuchte diesen psychologischen Faktor systematisch bei Finasterid 5 mg (Prostata-Dosis). [2] Das Studiendesign umfasste 120 Männer mit Prostatavergrösserung, die in zwei Gruppen eingeteilt wurden. Gruppe A erhielt keine Information über mögliche sexuelle Nebenwirkungen, während Gruppe B ausführlich über diese informiert wurde. Die Ergebnisse nach 12 Monaten waren verblüffend: Bei erektiler Dysfunktion traten in der informierten Gruppe (Gruppe B) 30,9 % Fälle auf, verglichen mit nur 9,6 % in der nicht informierten Gruppe (Gruppe A). Bei verminderter Libido waren es 23,6 % gegenüber 7,7 %, bei Ejakulationsstörungen 16,3 % gegenüber 5,7 %. Dies zeigt eindrücklich, dass die Erwartung von Nebenwirkungen diese verstärken oder sogar auslösen kann. Der Nocebo-Effekt erklärt, warum verschiedene Studien zu unterschiedlichen Raten kommen und unterstreicht die Bedeutung einer sachlichen, aber nicht angstauslösenden Aufklärung.

Häufigkeit und Art der Nebenwirkungen

Die Nebenwirkungen von Finasterid sind gut dokumentiert und treten in unterschiedlicher Häufigkeit auf. Die am häufigsten diskutierten Nebenwirkungen betreffen die Sexualfunktion. Meta-Analysen zeigen je nach Studiendesign unterschiedliche Ergebnisse. [3] Die FDA-Studien berichten 1,8 % gegenüber 1,3 % in der Placebo-Gruppe. Meta-Analysen zeigen Raten von 5 bis 15 % (einschliesslich Nocebo-Effekt), während Real-World-Daten 3 bis 8 % zeigen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich bei 3 bis 5 % echter, medikamentenbedingter sexueller Nebenwirkungen. Die höheren Raten in manchen Studien sind teilweise durch den Nocebo-Effekt erklärbar. Bei den meisten Betroffenen sind die Symptome mild bis moderat, reversibel nach Absetzen (2 bis 3 Monate) und oft selbstlimitierend, das heisst sie verschwinden bereits während der Einnahme wieder.

Der zeitliche Verlauf von Nebenwirkungen folgt einem charakteristischen Muster. [4] Im ersten Jahr treten Nebenwirkungen meist in den ersten 6 bis 12 Monaten auf, während ab dem zweiten Jahr neue Nebenwirkungen selten sind. Nach Absetzen verschwinden 90 bis 95 % der Symptome innerhalb von 2 bis 3 Monaten. Bemerkenswert ist, dass 30 bis 50 % der Symptome bereits während der Einnahme nach 6 bis 12 Monaten spontan verschwinden, was darauf hindeutet, dass der Körper sich oft an das Medikament anpasst.

Eine wichtige Studie untersuchte die Effekte auf Spermienparameter und fand eine leichte Reduktion der Spermienanzahl um etwa 10 bis 15 % sowie eine leichte Reduktion des Ejakulatvolumens. [5] Die Spermienmotilität wird jedoch nicht signifikant beeinträchtigt. Wichtig zu wissen ist, dass sich alle Parameter 3 bis 6 Monate nach Absetzen vollständig normalisieren. Wenn du einen aktiven Kinderwunsch hast, solltest du Finasterid 2 bis 3 Monate vor geplanten Konzeptionsversuchen absetzen, um optimale Voraussetzungen für eine Empfängnis zu schaffen.

Eine seltene, aber dokumentierte Nebenwirkung ist die Gynäkomastie (Brustvergrösserung). [6] Die Häufigkeit liegt je nach Studie und Dosis bei 0,4 bis 1,2 % und tritt meist bei der höheren 5 mg Dosis (Prostata-Behandlung) auf. In den meisten Fällen ist die Gynäkomastie nach Absetzen reversibel und tritt oft asymmetrisch auf, das heisst nur eine Seite ist betroffen. Bei topischer Anwendung (0,005 bis 0,2 %) ist das Risiko minimal, da die systemische Aufnahme deutlich geringer ist und das Medikament primär lokal wirkt.

Post-Finasterid-Syndrom (PFS)

Das Post-Finasterid-Syndrom beschreibt anhaltende Symptome nach Absetzen von Finasterid. [7] Einige Betroffene berichten von sexuellen Problemen, depressiven Verstimmungen und Müdigkeit, die auch nach dem Absetzen fortbestehen sollen. Die Studienlage ist allerdings unklar, da keine grossen klinischen Studien das Syndrom bisher bestätigen konnten. Die Symptome sind schwierig von natürlichen Alterungsprozessen zu unterscheiden, und Schätzungen zur Häufigkeit reichen von 1:5.000 bis 1:10.000. [7] Dies macht es schwierig, eindeutige Rückschlüsse zu ziehen.

Swissmedic-Position

2017 führte Swissmedic eine Meldepflicht für anhaltende Nebenwirkungen ein. [8] 2025 wurden neue Warnhinweise bezüglich psychischer Nebenwirkungen, einschliesslich Suizidgedanken, aufgenommen. [9]

Die Behörde anerkennt, dass in seltenen Fällen Symptome anhalten können. Die wissenschaftliche Beweislage für einen direkten Zusammenhang ist jedoch begrenzt.

Topisch vs. Oral

Die gute Nachricht ist, dass topisches Finasterid ein deutlich besseres Nebenwirkungsprofil zeigt als die orale Einnahme. [11] Für einen detaillierten Vergleich beider Darreichungsformen lies unseren Artikel Finasterid topisch vs. oral.

NebenwirkungTopisch (0,25 %)Oral (1 mg)
Sexuelle Nebenwirkungen2,8 %4,8 %
Serum-DHT Reduktion35 %55 %
Systemische ExpositionMinimalVollständig
Vergleich Nebenwirkungsprofil topisch vs. oral [11]

Bei ultra-niedrig dosiertem topischem Finasterid (0,005 %) ist die Nebenwirkungsrate nochmals geringer, da das Medikament kaum ins Blut aufgenommen wird.

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Kontraindikationen und Vorsichtsmassnahmen

Es gibt bestimmte Situationen, in denen Finasterid nicht angewendet werden sollte oder besondere Vorsicht geboten ist. Finasterid ist absolut kontraindiziert bei Frauen im gebärfähigen Alter (Schwangerschaftsrisiko), während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Finasterid. Auch bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren darf es nicht angewendet werden, da keine ausreichenden Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen.

Besondere Vorsicht ist geboten bei aktivem Kinderwunsch, wobei Finasterid 2 bis 3 Monate vor Konzeption abgesetzt werden sollte. Auch bei vorbestehender sexueller Dysfunktion, schwerer Depression oder Angststörung ist Vorsicht geboten, da diese Zustände durch die Medikation potenziell verstärkt werden könnten. Bei Leberinsuffizienz ist gegebenenfalls eine Dosisanpassung nötig, da Finasterid hepatisch metabolisiert wird.

Schwangerschaft und kritischer Warnhinweis

Risiko in der Schwangerschaft

Finasterid kann bei männlichen Föten schwere Missbildungen der Geschlechtsorgane verursachen. [12] Bereits Hautkontakt mit zerbrochenen Tabletten kann gefährlich sein. Schwangere Frauen dürfen Finasterid weder berühren noch einnehmen. Bei topischem Finasterid sollten Partner und Kinder nicht mit behandelten Hautstellen in Kontakt kommen.

Risikominimierung bei Finasterid

Es gibt verschiedene bewährte Ansätze, um das Risiko von Nebenwirkungen zu minimieren und die Verträglichkeit zu verbessern. Eine bewusste Einstellung ist dabei zentral: Informiere dich sachlich, aber vermeide übermässiges Grübeln über mögliche Nebenwirkungen, da der Nocebo-Effekt real ist und Symptome verstärken kann. Führe ein Symptom-Tagebuch und besprich Bedenken mit deinem Arzt, statt abrupt abzusetzen. Falls Nebenwirkungen auftreten, kann oft bereits eine Dosisanpassung helfen. Dein Arzt kann die Dosis individuell anpassen oder eine alternative Darreichungsform empfehlen. Falls ein Absetzen nötig ist, sollte dies schrittweise erfolgen, um einen Rebound-Effekt zu vermeiden.

Für die Risikominimierung ist topisches Finasterid ideal, da bei einer Konzentration von 0,005 % das Medikament kaum ins Blut aufgenommen wird, mit praktisch keinen systemischen Nebenwirkungen. Bei 0,2 % ist die Aufnahme moderat, aber immer noch mit deutlich weniger Nebenwirkungen verbunden als bei oraler Einnahme, was diese Darreichungsform zu einer attraktiven Alternative macht.

Realistische Risikoeinschätzung

Um die Zahlen in Perspektive zu setzen, hier eine realistische Einschätzung:

Realistische Risikoeinschätzung

Bei 100 Männern, die 1 mg Finasterid oral einnehmen, werden 90 bis 95 keine Nebenwirkungen haben. 3 bis 5 Männer werden milde bis moderate sexuelle Nebenwirkungen erleben, die meist reversibel sind. 1 bis 2 werden aufgrund von Nebenwirkungen abbrechen. Unter 0,02 könnten anhaltende Symptome entwickeln (wenn PFS real ist). Bei topischer Anwendung (0,005 bis 0,2 %) sind die Raten nochmals deutlich niedriger, insbesondere bei der niedrigeren Konzentration von 0,005 %.

Fazit zur informierten Entscheidung

Finasterid ist ein gut erforschtes Medikament mit über 25 Jahren klinischer Erfahrung. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Nebenwirkungen relativ selten auftreten. Echte sexuelle Nebenwirkungen kommen bei etwa 3 bis 5 % der Anwender vor. Diese sind meist mild und reversibel, da 90 % nach dem Absetzen verschwinden.

Der Nocebo-Effekt spielt eine grosse Rolle. Erwartungsangst verstärkt Symptome nachweislich. Die topische Anwendung reduziert Risiken weiter (2,8 % gegenüber 4,8 % bei oraler Einnahme). Die Langzeitsicherheit ist mit Millionen Patienten über Jahrzehnte etabliert.

Die Entscheidung für oder gegen Finasterid sollte auf Fakten basieren, nicht auf Angst. Topisches Finasterid bietet eine sichere Option mit deutlich weniger Nebenwirkungen. Weitere Informationen findest du in unseren Artikeln zu Finasterid Wirkung & Studien, Finasterid topisch vs. oral und Finasterid Rezept Schweiz. Starte jetzt deine Online-Konsultation oder erfahre mehr über die Ursachen von Haarausfall.

Quellen

  1. [1] Kaufman KD, Olsen EA, Whiting D, et al.. (1998). Finasteride in the treatment of men with androgenetic alopecia. Journal of the American Academy of Dermatology. https://doi.org/10.1016/s0190-9622(98)70007-6
  2. [2] Mondaini N, Gontero P, Giubilei G, et al.. (2007). Finasteride 5 mg and sexual side effects: how many of these are related to a nocebo phenomenon?. Journal of Sexual Medicine. https://doi.org/10.1111/j.1743-6109.2007.00563.x
  3. [3] Amory JK, Wang C, Swerdloff RS, et al.. (2007). The Effect of 5α-Reductase Inhibition with Dutasteride and Finasteride on Semen Parameters and Serum Hormones in Healthy Men. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. https://doi.org/10.1210/jc.2006-2203
  4. [4] Ramot Y, Czarnowicki T, Zlotogorski A. (2009). Finasteride-induced Gynecomastia: Case Report and Review of the Literature. International Journal of Trichology. https://doi.org/10.4103/0974-7753.51930
  5. [5] Mysore V. (2012). Finasteride and sexual side effects. Indian Dermatology Online Journal. https://doi.org/10.4103/2229-5178.93496
  6. [6] Fertig RM, Caresse GA, Darwin E, Gaudi S. (2017). Sexual side effects of 5-α-reductase inhibitors finasteride and dutasteride: a comprehensive review. Dermatology Online Journal. https://doi.org/10.5070/D32311037240
  7. [7] Swissmedic. (2017). Finasterid: Persistierende Nebenwirkungen. Swissmedic. https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/humanarzneimittel/marktueberwachung/pharmacovigilance/vigilance-news/finasterid-persistierende-nebenwirkungen.html (Aufgerufen am 20.09.2025)
  8. [8] Goodman PJ, Tangen CM, Darke AK, et al.. (2019). Long-Term Effects of Finasteride on Prostate Cancer Mortality. New England Journal of Medicine. https://doi.org/10.1056/NEJMc1809961
  9. [9] Traish AM. (2020). Post-finasteride syndrome: a surmountable challenge for clinicians. Fertility and Sterility. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2019.11.030
  10. [10] Estill MC, Ford A, Omeira R, Rodman M. (2023). Finasteride and Dutasteride for the Treatment of Male Androgenetic Alopecia: A Review of Efficacy and Reproductive Adverse Effects. Georgetown Medical Review. https://doi.org/10.52504/001c.88531
  11. [11] Hafner J, Läuchli S. (2023). Androgenetische Alopezie: Mehr Therapien für mehr Haare. Rosenfluh Publikationen. https://www.rosenfluh.ch/media/congressselection/2023/02/Androgenetische-Alopezie-Mehr-Therapien-fuer-mehr-Haare.pdf (Aufgerufen am 21.11.2025)
  12. [12] McQueen P, et al.. (2024). Finasteride delays atherosclerosis progression in mice and is associated with a reduction in plasma cholesterol in men. Journal of Lipid Research. https://doi.org/10.1016/j.jlr.2024.100507
  13. [13] Swissmedic. (2025). DHPC – Finasterid / Dutasterid: Neue Massnahmen zur Minimierung des Risikos für Suizidgedanken. Swissmedic. https://www.swissmedic.ch/swissmedic/de/home/humanarzneimittel/marktueberwachung/health-professional-communication--hpc-/dhpc-finasterid-dutasterid.html (Aufgerufen am 21.09.2025)
  14. [14] MotherToBaby. (1994). Finasteride. Organization of Teratology Information Specialists (OTIS). https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK582707/ (Aufgerufen am 15.09.2025)
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